Kategorie-Archiv: Privates und persönliches

Der erste Schnee

Unwillkürlich lächle ich, als die erste Schneeflocke mich auf die Nasenspitze trifft. „Märchenhaft“, denke ich.
Er hatte sich schon lange angekündigt, der erste Schnee. Seit Tagen fror es, und sein Geruch lag in der Luft. Seit heute morgen standen die Wolken tief am Himmel, dunkel und so schwer, als würden sie vom Himmel fallen wollen. Windstill war es, doch die Luft so klar, dass sie mich zu diesem Waldspaziergang verführt hatte.
Raschelnd fuhren meine Füße durch das trockene Herbstlaub; ein wenig holperig zu gehen war der gefrorene Waldweg rund um das Kieler Freilichtmuseum. Wie kleine Nebelwölkchen stob mein Atem aus dem Mund und stieg empor, so, dass mein Blick, der ihm folgte, durch die kahlen Wipfel der Buchen immer wieder den fruchtbaren Himmel erblickte.
Still war es, als hätten die Tiere sich in warme Behausungen zurück gezogen – selbst die Luft schien still zu stehen. Die erste Flocke spürte ich auf der Nase, die weiteren sah ich auf mich zufliegen – verhalten erst und ziemlich klein. Wenn man genau hinhörte, vernahm man das feine Rascheln der Schneeflocken im Laub.
Doch die Flocken wurden dicker. Fett und fruchtig und in immer größerer Zahl sanken sie um mich herum zu Boden, wurden dort zu einem feinen Schleier, der, umso dichter er wurde, die Farben des Unterholzes mehr und mehr verbarg.
Ich freute mich auf die Zeit des Nach-Schneiens – auf jene kurze Spanne, in der die Welt wie unberührt da liegen würde in ihrem weißen Kleid. Das Kind in mir würde Spuren in den Schnee treten wollen oder toben in dem feinen Pulver, das noch zu jung wäre, um aus ihm einen Schneemann zu formen.
In der Stadt würde dieser Schnee schon bald die Kinder von den Spielekonsolen ins Freie locken. Der Schlitten wäre wieder eines der Spielzeuge, das sich über Generationen bewahrt hat. Und der Verkehrslärm wäre angenehm gedämpft.
Ich muss an weiße Weihnachten denken – an das Gedicht von Matthias Claudius und einen Spaziergang durch die Straßen, die gerade am Heiligen Abend wie ausgestorben scheinen. Die Fenster, die goldenes Licht auf die Straße werfen und hinter denen man so manchen erleuchteten Baum sieht. Friedlich wirkt das, wenn man nicht darüber nachdenkt, wie es Menschen „unfriedlich“ geht. Der alten Frau zum Beispiel, die ich Samstags beim Einkaufen treffe und von der ich weiß, dass sie eigentlich niemanden hat außer dem kleinen kläffenden Hund, mit dem sie spricht. Fühlt sie jetzt friedlich? Oder die Schwester im Städtischen Krankenhaus, die kranken Menschen das Sterben erleichtern hilft. Der abgerissene Mann, der mich vor ein paar Tagen anbettelte „Hast‘ ma‘ ’n Euro?“ Oder auch die Frau, die angstvoll ihren Mann erwartet, der wieder betrunken aus der Kneipe nach Hause kommen wird? Was denken Kinder in solchen Momenten und was denken die Kinder, die Weihnachten als Waisen in Wohneinrichtungen erleben?
Was denkst du, die in meinen Gedanken am erleuchteten Wohnzimmerfenster steht und auf den Marktplatz hinunter blickt? Ja, jetzt, gerade jetzt kann ich dich sehen. Siehst du die schemenhafte, dunkle Gestalt, die still im Schneefall verharrt? Ich wünsche mir sehr, dass du mich siehst. So, wie ich dich und die anderen Menschen sehen will…
Es ist kalt geworden, die Dämmerung setzt ein und die Kälte kriecht über meine Beine den Körper hinauf. „Ich bin froh, dass es dir gut geht,“ denke ich und lenke meine Schritte heimwärts, deren Spuren der fallende Schnee schon bald überdeckt.

Wohnen in Kiel – aber bitte ohne Nachbarn

Ich war einmal ein paar Tage lang außerhalb Kiels unterwegs. Daher bat ich den Nachbarn, sich in der Zeit um meine Post zu kümmern. Viel Post, große Tageszeitung – wenig Platz im Briefkasten, zu enger Briefschlitz: Ihr kennt das.
Da braucht man halt mal Hilfe. Aber als ich zurückkam, begegnete mir dieser vorher feundliche Nachbar mit tiefster Verachtung.
Na was solls, dachte ich, ich bin zwar nicht sicher, was er hat, aber ich werde ihn doch deshalb nicht zur Rede stellen – man sieht sich ja ohnehin eher selten.
Neulich war es umgekehrt – die Nachbarn waren für ein paar Tage unterwegs, und die sehr nette Frau des verächtlichen Nachbarn bat mich, mich um ihre Post zu kümmern. Das tat ich natürlich.
Und da fand ich dann die Erklärung für die plötzliche Verachtung:
Der Nachbar hatte die Kieler Nachrichten und die „Welt“ abonniert, ich dagegen die Frankfurter Rundschau.
Für Leser, die sich in der deutschen Zeitungslandschaft nicht auskennen:
Die Frankfurter Rundschau gilt als linksliberal, die „Welt“ dagegen …
Na ja, sagen wirs mal so:
Ihr kennt vielleicht den US-Film „Der Marathon-Mann“. Da fährt die Kamera die Wohnung eines Alt-Nazis ab, und dort sieht man eben die FAZ und die „Welt“ liegen.

Tja, die Verachtung der Deutschnationalen ist mir aufgrund der Wahl meiner Zeitung sicher.
Ach, es ist ein Kreuz mit einem solchen Nachbarn.
Da muß man eben für den Fall der Abwesenheit andere Mittel finden.

Männer kennen keinen Schmerz

Den ganzen Tag habe ich es gespürt. Mittags fing es leicht an zu drücken unter der Sohle, und wie ein Geschwür schien sie zu wachsen, die Blase. Ich kam während der Geschäftszeit aus den Schuhen nicht heraus, und so konnte sie sich entfalten und wachsen. Dabei hatte ich das Gefühl, umso mehr ich sie ignorierte, desto mehr baute sie sich auf. Aber ich bin ja nicht umsonst ein Mann – ein Indianer kennt keinen Schmerz.
Obwohl… ein wenig tat es schon weh. Aber der Fuß wurde ein wenig verkantet, und so klappte es mit dem Laufen trotz dieser Einschränkung ziemlich gut. Es waren ja nur noch ein paar Stunden bis zum Feierabend, die ich die hämischen Bemerkungen meiner Kollegen ertragen musste. Was wussten die schon von Tapferkeit.
Der Heimweg gestaltete sich schwierig, weil durch die einseitige Belastung mittlerweile der ganze Fuß schmerzte. Zunächst überlegte ich, ein Taxi zu nehmen, entschloss mich aber dann doch, mit zusammengebissenen Zähnen an der Bushaltestelle auszuharren. Zu Hause angekommen fühlte mich deshalb zwar ein wenig angegriffen, aber ich war auch Stolz darauf, es geschafft zu haben.
Auf der Couch sitzend zog ich behutsam den Schuh aus, um den Fuß nicht noch mehr zu schädigen. Unter Vermeidung eines Blutstaus bettete ich ihn sodann auf einem Kissen, das ich zur Unterstützung seiner Ruhestellung auf den Wohnzimmertisch gelegt hatte. Ein wenig erschöpft lehnte ich mich dann zurück, um die nächsten sinnvollen Schritte zu durchdenken.
Die schwierigste Aufgabe war es wohl zunächst, den Strumpf vom Fuß zu entfernen. Ich könnte den Strumpf vom Fuß schneiden. Das könnte ich aber auch der fachlichen Kompetenz der Sprechstundenhilfe meines Hausarztes überlassen – oder sollte ich gleich sinnigerweise einen Chirurgen konsultieren?
Das Damoklesschwert einer Krankmeldung schwebte vor meinem geistigen Auge. Aber auch der gefährliche Weg, den es brauchte, dort hin zu kommen. Also entschloss ich mich zunächst zur Eigentherapie, so unvernünftig das auf den ersten Blick auch erscheint. Aber ein Indianer kennt ja keinen Schmerz.
Als ich die Socke vom Fuß zog, war ich mir der Gefahr bewusst, die Haut in Streifen abzuziehen. Doch wider Erwarten ließ der Strumpf sich schadlos entfernen. Etwas lindernd wirkte dann die Luft, die die Sohle frei umfächeln konnte. Ich konnte wieder ein wenig klarer denken.
Ein Blick auf die Wunde war wohl kaum möglich. Zunächst grauste es mich davor, und ich wollte Fuß und Bein durch das Heranziehen nicht noch über Gebühr beanspruchen und einen eventuellen Krampf riskieren. Der Schlafzimmerspiegel war eine gute Idee. Ganz vorsichtig stand ich deshalb auf, hinkend bewegte ich mich zum Schrank im Flur, in dem ich das Bügelbrett wußte. Dieses benutzte ich dann als Krücke, um den Weg ins Schlafzimmer bewältigen zu können, wo ich mich dann langsam auf das Bett gleiten ließ. Lang ausgestreckt quälte ich mich in eine Position, aus der ich die Unterseite des Fußes in der Spiegeltür des Schlafzimmerschrankes betrachten könnte.
Auweia! Was für’n großes Ding. Weltrekord wahrscheinlich. Verwunderlich, dass ich damit überhaupt noch in der Lage gewesen war, mich fort zu bewegen.
Was sollte ich nur tun? Laut um Hilfe rufen? Mit meiner Mutter telefonieren? Nee, die würde wieder versuchen, mich mit Fencheltee und geriebenem Apfel zu kurieren. Eine Freundin oder einen Freund mit meiner Verwundung belasten? Meine Geschwister in Angst und Schrecken versetzen?
Nein, es würde nichts nützen, mein Leid auf andere zu übertragen. Ich würde da wohl selbst durch müssen. Es würde zwar entsetzlich, das alles allein durchzustehen, doch auch dieses Opfer wollte ich gerne noch bringen für die Menschen, die ich liebte. Solcherart zum Märtyrer erhoben gewann ich wieder ein wenig Kraft, die nächsten Schritte zu bedenken.
Aufstechen war der nächste Gedanke. Doch das Risiko einer Blutvergiftung schien mir unangemessen hoch. Aber auch ein unbehandeltes Dahinsiechen schien nicht dir richtige Lösung zu sein.
Ein Fußbad, für dessen Vorbereitung ich fast zwei Stunden brauchte, verschaffte ein wenig Linderung. Während der zwölfeinhalb Minuten in handwarmem Wasser, die ich dem Fuß gönnte, schnitt ich ein Bettlaken in breite Streifen, um mir selbst Verbände anlegen zu können. Danach tupfte ich den Fuß vorsichtig ab, ließ den Rest an der Luft trocknen, und trotz des wilden Schmerzes, der brennend meinen ganzen Körper zu durchtosen schien, schaffte ich es, ein wenig Salbe auf der Verwundung aufzutragen. Dann wechselte ich das T-Shirt, das völlig durchgeschwitzt war.
Es gestaltete sich ziemlich schwierig, die Lakenlappen ohne fremde Hilfe um den Fuß zu schlingen. So war es schon weit nach Mitternacht, als ich endlich mit Hilfe meines Bügelbretts ins Schlafzimmer wanken konnte, um wohlverdiente, heilsame Ruhe zu finden. Starke Schmerztabletten sollten mir dabei helfen.
Als ich erwachte, horchte ich in mich hinein, ob ich ein Brennen im Bein verspüren würde. Nein. Und auch bei näherer Untersuchung zeigte sich kein roter Streifen, der sich an ihm hinaufzog. Ein tiefer Seufzer löste sich aus meiner Brust. Ich hatte überlebt!
Der Blick über den Spiegel zeigte, dass diese Riesenblase, dich mich gestern noch schier auffressen wollte, sich zu einem schlaffen Hautlappen zurück gebildet hatte. Ich stand auf und versuchte die ersten Schritte – erst mit, dann sogar ohne Bügelbrett. Ohauehaueha, ich konnte wieder gehen! Wenn auch nur eingeschränkt, da der ganze Fuß noch schmerzte, doch wurde ich so zuversichtlich, selbst den Weg zur Arbeitsstätte bewältigen zu können.
Den Gedanken einer Sandale am unbedeckten, rekonvaleszenten Fuß gab ich schnell auf, draußen hatte es geschneit. Also die weichsten Socken herausgesucht und die weitesten Schuhe, dich ich hatte.
Im Büro angekommen fiel es natürlich sofort auf, wie schleppend ich den Fuß hinterher zog. Doch auf die teilnahmsvollen Fragen meiner Kollegen erwähnte ich nur eine kleine Blase, ohne etwas von meinem Leidensweg zu erzählen. Schließlich: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Es tat mir wohl, so tapfer gewesen zu sein.
Hoffentlich hielt das Schicksal nicht noch einen Rückfall für mich in petto.

Suche Lieder über Kiel

Biete Dank als Gegenleistung.
Diese Stadt ist doch wirklich nicht der kleinsten und unbedeutendsten eine.
Als ich aber neulich aus privatem Anlaß anfing, Lieder zu sammeln, in denen Kiel zumindest vorkommt, da war schnell das Ende der Fahnenstange erreicht.
Mike Krüger hat mal eins geschrieben und aufgenommen, das war Mitte der Achtziger.
Da heißt es:

„Ich steh da so an Tresen –
kommen zwei Typen rein.
Der eine nur einszwanzig groß,
der andre eher klein.
Zwei halbe, ruft der eine.
Da sagt der Wirt zum Linken:
Das seh ich, Jungs –
was wollt Ihr trinken.

(Refrain)
Denn so ist das hier in Deutschland, von München bis nach Kiel:
Wir trinken wenig, aber oft und dann viel.“

Noch eine Strophe gefällig?

„Kommt einer an die Theke.
Bestellt sich 40 Korn
und schnasselt die in einem weg
von hinten bis nach vorn.
Mensch, das ja doll, Mann, sagt der Wirt, komm her mit deinem Glas.
Er sagt: Willst Du mich jetzt betrunken machen, oder was?

(Refrain)
Denn so …“

Na, das ist doch schon mal was. Und es ist ja tatsächlich nicht unkomisch.
Und was gibt es sonst noch?

Was ganz Altes:

Schorschi, komm fahr mit mir im Automobil,
Kost ja nicht viel, kost ja nicht viel.
Schorschi, komm fahr mit mir im Automobil,
kost ja nicht viel nach Kiel.“

Das ist leider gar nicht komisch.
Und auch sonst nichts Gescheites.
Und was ist die Gemeinsamkeit der beiden zitierten Lieder?
Natürlich daß Kiel hier nur ein Notbehelf ist:
Es reimt sich halt auf „viel“.
Aber gibt es denn auch mehr oder weniger bekannte Lieder, in denen Kiel um seiner selbst willen vorkommt?
Ich nehme auch Lieder von lediglich regionaler Bedeutung.
Sagt mal was dazu.

Mutmaßliche Kieler Studenten singen Humba-Täteräh

Es war während des Viertelfinal-Spiels zwischen den mittlerweile zurecht Weltmeister gewordenen Italienern und der Ukraine.
Ich sah es im Cafe do Sul (Ecke Beseler / Holtenauer), und die Kieler waren noch freudetrunken vom Elfmeterschießen der deutschen Mannschaft gegen Argentinien.
In diesem Cafe wurde das Spiel der Italiener (und natürlich nicht nur das) auf einer Leinwand übertragen. Sehr nahe daran saßen ein bebrillter Jüngling und eine ebenfalls sehr junge Frau, beide mit hoher Wahrscheinlichkeit Studenten (sowas sieht man den Leuten doch an!).
Plötzlich stand der Student ohne erkennbaren Anlaß auf, wandte sich an die hinter ihm Sitzenden (es waren nicht wenige) und rief:

„Gebt mir ein H!“

Die Angesprochenen taten, wie ihnen geheißen, und der Student fuhr fort:

„Gebt mir ein U!“
„U!“
„Gebt mir ein M!“
„M!“
„Gebt mir ein B!“
„B!“
„Gebt mir ein A!“

Auch das gaben sie ihm, woraus er offenbar das Recht ableitete, im folgenden zu singen:

„Wir singen Humba-humba-humba-täteräh!
Täteräh!
Täteräh!
Wir singen Humba-humba-humba-täteräh!
Täteräh!
Täteräh!“

Bei den Worten „Wir singen“ erhob sich auch die mutmaßliche Studentin neben ihm, sang, wie die meisten anderen , mit und brachte dabei durch beständiges Auf- und Abspringen ihre Milchdrüsen auf das vorteilhafteste zur Geltung.
Für die, die diesen Gesang noch aus anderen Zeiten im Ohr haben, sei gesagt:
Im Falle des Studentengesangs senkte sich das letzte Täteräh nicht, wie das üblicherweise der Fall ist, sondern das äh wurde zunächst einen Vierteltakt lang tief, dann einen Vierteltakt lang recht hoch und schließlich einen weiteren Vierteltakt lang in einer Tonfolge zwischen den ersten beiden gesungen.
Daraus ergab ich eine andere Wirkung: Während die alte Version des Gesangs autistisch / isolationistisch / nationalistisch ist, läßt der Studentengesang die Perspektive der Weltoffenheit.
Und dennoch:
Haben denn vor einem halben Jahrhundert geniale Männer das Emanzipatorischste der Menschheitsgeschichte, den Rock and Roll nämlich, erfunden, damit nun wieder „Humba-täteräh“ gesungen wird.
Warum nicht gleich:
„Wir machen durch bis morgen früh und singen bumsfallera“?
Oder:
„Wir machen durch bis morgen früh, obwohl ´s nicht nottäteräh“?

Alsowissensenee.

Extreme Kielerwoching

Ganz feddich bin ich. Und das schon Montagfrüh. – Ist es nicht furchtbar, was die Kieler Woche mit einem erwachsenen Mann und gestandenen Familienvater anrichten kann? Dabei ging ich’s diesmal so vorsichtig an…
Der erste vorsichtige Bummel beim Soundcheck mit nur wenig Bier (ich geb‘ nämlich gerade das Rauchen auf), auch zurückhaltend geholstenbummelt (obwohl sich da schon ein paar Genever in das Geschehen einmischten) dann gestern (Sonntag) ein ganz vernünftig beabsichtigter Abend. Meine Söhne hatte ich eingeladen, abends wollten wir gemeinsam das Illegal-Konzert auf der M.A.X.-Bühne anhören… Jetzt bin ich heiser, war meinen Kindern ein schlechtes Vorbild, und die Kollegen werden voller Häme mit Fingern auf mich zeigen, weil ich so versackt bin, dass ich im Büro schlafen musste.
Illegal war übrigens mal wieder klasse!
Mal gucken, was sich heute so tut…

Finanzamt Kiel-Süd: Gnadenlos

Gnade erwarte ich auch nicht, aber hat das Finanzamt in dieser Frage wirklich das Recht auf seiner Seite?

Von Anfang an:

Ich bin Freiberufler, und als solcher stelle ich nicht nur Entgelte für meine Leistungen in Rechnung, sondern auch die Umsatzsteuer, die derzeit noch bei 16% liegt.
Diese Umsatzsteuer muß ich jeweils bis zum 10. des Folgemonats an das Finanzamt weiterleiten.
Nun kann man natürlich fragen, was das Ganze überhaupt soll – schließlich erhält der Kunde, wenn er Unternehmer ist, den Umsatzsteuerbetrag am Jahresende zurück.
Jedenfalls sollte man sich mit der Abgabe der Umsatzsteuer an das Finanzamt Kiel-Süd nicht verspäten; sonst setzt es Gebühren, wie bei mir neulich:
25,00 € (!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!) nimmt einem die Behörde dafür ab.
Gebühren sollten etwas sein, das jemandem gebührt (wie das Wort sagt) – davon kann aber in diesem Fall nicht die Rede sein.
Nun frage ich mich und Euch:
Wie kann Wucher ein Straftatbestand sein, wenn der Staat selbst Wucherer ist?

Versteh’ einer die Frauen

oder:
Das Candlelight-Dinner
Ich muss ja zugeben, dass man es peinlich finden kann, in fast 30 Jahren nicht einmal an den Hochzeitstag gedacht zu haben. Naja, bis auf eine Ausnahme: Die Silberhochzeit. Denn die musste ja vorbereitet werden. Aber ansonsten hatte ich immer an so viele Dinge zu denken, dass für etwas Banales wie „Hochzeitstag“ kein Platz war.
„Du liebst mich nicht“, erhielt ich stets als Reaktion darauf, was allerdings sehr ungerecht war, da ich ja die Dinge, die mich den Hochzeitstag vergessen ließen, aus Liebe zu ihr machte.
Vielleicht nicht immer, aber doch ganz schön oft.
Möglicherweise ist ja auch deshalb der Hochzeitstag eine Art Rotes Tuch für mich: Ich weiche ihm aus, weil er stets von Vorwürfen begleitet wird. Ungerechte. Und ungerechtfertigte. Denn dass ich sie liebe, habe ich mindestens schon tausendmal gesagt. Und manchmal kann ich’s sie sogar spüren lassen. Sie ist dann immer ganz erfüllt von unserem Sex. Das jedoch wird momentan seltener. Es liegt wohl am Älterwerden. Frauen sind so.
Nur wir Männer, wir werden reifer und überlegender. In den Fünfzigern hat sich bei uns Männern proportional so viel Weisheit angesammelt wie Kochrezepte bei den Frauen. Deshalb trag’ ich ihr auch nichts nach, das Essen ist ja auch wirklich lecker.
Ein bisschen von dieser Weisheit wollte ich diesmal anwenden. Zum 28. Hochzeitstag. Seit 1986 liegt sie mir in den Ohren wegen eines Candlelight-Dinners. Ich fand das für unsere Verhältnisse immer ein wenig oversized. Was ist sowas schon gegen die Bratwurst im Holsteinstadion beispielsweise, oder so’n teurer saurer Schampanjer gegen ein sorgfältig gezapftes, kühles Helles. Aber diesmal sollte sie es kriegen. So quasi als Überraschung, und damit sie endlich Ruhe gibt. Außerdem hatte das eine recht praktische Komponente für mich, wollte aber auch gut geplant sein.
Schon einen Monat vor diesem besonderen Tag ging ich in den Yachtclub, der eine recht gute Restauration haben musste, wenn man die Preise der Speisenkarte so durch schaute. Ich reservierte einen kleinen Tisch direkt am großflächigen Terrassenfenster, aus dem man über die ganze Förde schauen konnte. Und richtiger Schampanjer sollte in einem Eiskübel auf dem Tisch stehen. Und Blumen. Am besten Butterblumen, die liebte sie so. Immer wenn wir mit dem Auto in der Natur unterwegs waren, machte sie mich auf die Butterblumenwiesen aufmerksam. Und da ich ein guter Zuhörer bin, wollte ich ihr auch diesen Wunsch erfüllen – selbst gegen den Widerstand des stirnrunzelnden Kellners. Es sollte ja schließlich „ihr“ Abend werden.
Mit der Taxizentrale sprach ich, um vielleicht einen besonderen Wagen für jenen Abend zu bekommen. Sie würde staunen. Und dann ließ ich mir von ihrem Friseur einen Gutschein aushändigen für Frisur, Fingernägelmachen, Peeling und sonstigen unsinnigen Kram.
Am Samstag, als es dann soweit war, konnte ich es kaum erwarten, bis sie mich mit dem Frühstück weckte. Und noch vor dem Zeitunglesen platzte ich heraus: „Schatz, heute habe ich eine Überraschung für dich. Unser heutiger Hochzeitstag soll ein unvergessliches Erlebnis werden. Wir gehen gleich in die Stadt, dir ein Kleid kaufen, und dann bekommst du heute abend dein Candlelight-Dinner!“
Ich war ziemlich stolz auf mich, dass ich sie noch dermaßen überraschen konnte. Nichtmal meine Sportberichte konnte ich richtig zuende lesen, da war sie schon mit dem Abwasch fertig und wollte „los“.
Im Kaufhaus dann fanden sich schöne Kleider. Ich musste sie zwar ein wenig bremsen, wegen der Kosten (man muss es beim Kauf eines Kleides für nur einen Abend ja nicht übertreiben), aber irgendwann hatten wir etwas festlich genuges gefunden. Dann brachte ich sie zum Frisör und gönnte mir während dieser Zeit einen Kinobesuch.
Es war schon ziemlich spät, als wir zu Hause eintrafen. In einer Stunde sollte das Auto kommen. Für meine Frau musste das purer Stress sein, ich selbst brauchte ja nur fünf Minuten. Aber frisiert war sie ja schon und geschminkt, da war also doch eine echte Chance da. Und tatsächlich: Zwei Minuten vor der Zeit kam sie aus dem Bad, voll angezogen und fertig gemacht. Sie wirkte zwar ein wenig älter in ihrem neuen Kleid, aber das war egal. Hauptsache glücklich!
Zu einem unverständlichen Bruch kam es danach. Erst schaute sie recht merkwürdig auf meine Stadionklamotten, die ich jedes Mal trug, wenn Holstein zu Hause spielte, und als die Jungs vor der Tür hupten (das Timing war klasse, denn ihr Taxi kam auch gerade) und ich ihr das Geld fürs Essen in die Hand drücken wollte, schien sie fast in Tränen ausbrechen zu wollen – jedenfalls zitterte ihre Unterlippe so. Und dann fing sie an zu schreien…
Alles also wie üblich, nur ein bisschen lauter. Und das, obwohl sie nun doch alles hatte.
Trotzdem ließ ich mir meinen Abend nicht versauen. Wir gewannen 4:1, und von den Jungs verstand auch keiner, was sie nur wieder hatte. Es ist uns Männern wohl nicht gegeben, die Frauen zu verstehen…

Rund um den Westensee mit dem Rad

Langsam geht das wieder lose. Das Wetter wird besser, und morgen werde ich mein Fahrrad putzen. Wenn’s klappt (auch mit der Sonne und so), geht’s Sonntag das erste Mal um den Westensee. Mir begegnen da stets Zeitgenossen, die ihre Fahrradtour recht gedankenlos durchführen. Und da ich ’n echter Klugscheißer bin, hab‘ ich hier ein paar Tipps zusammengestellt, mit denen jede Fahrradtour gelingen tut *g*

Prima Radlertipps
Wenn die ersten Sonnenstrahlen im Frühling wärmend die Erde treffen, denkt der verantwortungsbewusste Familienvater möglicherweise darüber nach, seine Lieben mit einem sonnigen Tag in Wald und Flur zu überraschen. Um dabei zu helfen, diese Absicht zu einem harmonischen Ziel zu führen, hab’ ich ein paar Tipps zusammen gestellt.
Zunächst die Wahl des Rades: Hier ist es absolut unerlässlich, ein Rad mit den neuesten technischen Errungenschaften anzuschaffen. Schließlich ist es ein eminent wichtiges Gerät, das der Körperertüchtigung dient und dabei ein Höchstmaß an Sicherheit und orthopädischem Nutzen bringen soll. Für ca. 1500 Euro bekommt man im örtlichen Fachhandel schon ein ordentliches Einsteigermodell mit 27-Gang-Schaltung und innenbelüfteten Scheibenbremsen. Räder, die in Bereiche eines telekommäßigen Geschwindigkeitsrausches führen sollen, erfordern eine Investition von etwa ab 2500 Euro.
Kinder haben üblicherweise schon ein Rad. Falls nicht, genügt hier die kostengünstige Variante aus dem Supermarkt (nicht über 100 Euro), da Kinderfahrräder erfahrungsgemäß nur eine Lebenserwartung haben, die 10 Monate im seltensten Fall überschreitet. Das Hauptaugenmerk ist bei der Anschaffung auf eine bunte Lackierung zu legen. Der Verzicht auf eine Lichtanlage erhöht den finanziellen Spielraum, da Kinder erfahrungsgemäß überwiegend am Tag unterwegs sind.
Für die Ehefrau ist das bewährte Gebrauchtrad zu empfehlen. Das ist nicht nur besonders günstig (so um die 50 Euro), sondern bereits eingefahren und hat – je nach Alter (des Rades) – seine Zuverlässigkeit bereits bewiesen. Besonderes Augenmerk ist hier auf einen möglichst stabilen und tragfähigen Gepäckträger zu richten und auf die Möglichkeit der Montage eines Kindersitzes oder Einkaufskorbs am Lenkervorbau. Wichtiger als eine technisch aufwändige Dreigangschaltung ist hier eine funktionstüchtige Fahrradglocke.
Sinnvolle Zusatzausstattungen für einen gelungenen Fahrradausflug sind z. B. eine verchromte Trinkflasche für das Herrenrad, Bierdeckel für die Speichen der Kinderräder oder großvolumige Packtaschen für das Damenrad.
Die Kleidung – ansonsten luftig und leicht – sollte dem Anlass (sprich: dem Rad) angemessen sein. Für den Leistungsträger empfiehlt sich ein handgefertigtes Renndress, das nach Einschätzung der zu erwartenden Leistung 1 bis 3 Nummern enger gewählt werden sollte. Passend dazu vielleicht eine Ferrari-Schirmmütze, die einen eventuellen sportlichen Anspruch farbig unterstreicht.
Es empfiehlt sich, eine Fahrradtour nicht spontan zu beginnen. Es müssen Karten gekauft und studiert werden, isotonische Getränke getestet, und alle Freunde und Bekannten sollten von dem beabsichtigten Plan in Kenntnis gesetzt werden. In der Regel benötigt eine Mutter sowieso einen vollen Tag, in die Vorbereitungen der Tour durch Backen und Kochen einzusteigen.
Unmittelbar vor Fahrtantritt sind alle Fahrräder zu kontrollieren, damit man unterwegs weiß, warum was wo quietscht oder klappert. Darüber hinaus empfiehlt sich die Mitnahme eines Handys, falls ein Plattfuss unterwegs die Einschaltung des Großvaters oder eines Schwagers erfordert.
Das mitzunehmende Gepäck sollte möglichst gleichmäßig auf ein Fahrrad verteilt werden. Üblicherweise ist das das Damenrad. Es kann durch den Kindersitz am Lenker durchaus so sehr in seiner Balance beeinträchtigt sein, dass ein entsprechendes Gegengewicht auf dem Gepäckträger für sicheren Ausgleich sorgt. Ist jedoch kein Kindersitz vorhanden, könnte ein Teil des hinteren Gepäcks in einem Einkaufskorb am Lenker für das nötige Gegengewicht sorgen.
Die Reihenfolge unterwegs ergibt sich zwangsläufig daraus, dass man(n) das Tempo vorgibt und frau am Schluss der Kolonne ein wachsames Auge auf die Kinder haben muss. Das hat den besonderen Vorteil, dass niemand der Familie einen eventuell gequälten Gesichtsausdruck des Vorausfahrenden ob der Anstrengung wahr nimmt. Entgegenkommende sind rechtzeitig erkennbar und können be- oder angelächelt werden – je nach Ausstattung.
Pausen sollten grundsätzlich nicht auf Vorhaltungen der Kinder gemacht werden, sondern sich aus dem Rhythmus des Vorausfahrenden ergeben. Auch ist die Beibehaltung eines zügigen Tempos sinnvoll, um die Kinder zu ermüden. Und sparen sie nicht mit fröhlichen Hinweisen auf die Umwelt, die die Faszination für das Erlebte nachhaltig steigern können.
Wenn sie abends heimkehren, tun sie einfach so, als hätten ihnen die heute bewältigten 10 Kilometer nichts anhaben können. Seien sie ihren Kindern ein begeistertes und begeisterndes Vorbild. Und wenn die dann erschöpft in den Schlaf sinken, wird sich eine glückliche und vom Erlebten durchseelte Ehefrau sich Ihrer liebevoll annehmen.

Hänschen und Marie

Marie genoss diesen Moment des Alleinseins. Innerlich fast schwebend saß sie sich auf dieser Bank am Molfsee, einem See in der schleswig-holsteinischen Landschaft. Mit geschlossenen Augen und zurückgelegtem Kopf genoss sie die Strahlen der Abendsonne in ihrem Gesicht, spürte den kühlen Hauch des Abendwindes auf ihrer Haut. Tiefes Atmen und das Spüren ihres Lebens, die Schreie der Vögel von der Möweninsel und das leise Plätschern der Wellen am Uferrand bescherten ihr einen dieser dankbaren Momente, in denen man das Alleinsein genießt, ohne sich einsam zu fühlen.
Es war die Bank ihrer Kindheit. Vor über dreißig Jahren hatte sie hier ihren ersten Kuss bekommen, eine heimliche Zigarette geraucht, Rotwein aus der Flasche getrunken. Sie erinnerte sich an diese lärmenden Abende mit ihren Freunden. An Peter, den Wilden, der neunzehnjährig bei einem Motorradunfall starb; an Horst, den Lautesten von ihnen, der heute als erfolgreicher Bauunternehmer und Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr die Geschicke des Dorfes mit in der Hand hat; an Martina die mit 15 gerade das dritte Mal verlobt war und mit 18 schon verheiratet, an Siegfried, den Fussballbegeisterten, der noch heute in der Alten Herren von früheren „glorreichen“ Zeiten erzählt; und Hans fällt ihr ein, der Stille, der durch seine tiefe Nachdenklichkeit stets etwas geheimnisvoll und zart erschien.
Hans war es, der sie damals zum ersten Mal küsste. Hier, auf dieser Bank. Ängstlich, zurückhaltend und ein bisschen tumb, so dass sie noch heute darüber lächeln muss. Dabei erschien ihr dieser Kuss trotz dieser Ungelenkheit so unglaublich zärtlich und sanft.
Und ein paar Wochen später hatte sie ihm so weh getan in ihrer kindlichen Naivität – ob er heute noch genauso an diesen Moment zurückdenkt, wie sie es jetzt tat? Sie würde ihm gerne sagen, dass das, was sie damals nur als lächerlich empfand, so tief ging, dass sie es manchmal heute noch als fernen, wehmütigen Schmerz spürte.
Damals, nach diesem Kuss, trafen sie sich fast jeden Abend an dieser Stelle – heimlich, die Clique sollte es nicht wissen. Es war ein Sommer mit langen, milden Abenden. Beide konnten sie nicht schwimmen und hatten das vor den anderen stets zu verbergen gewusst. Trotzdem gingen sie nun ins Wasser. Gemeinsam, Hand in Hand. Bis zum Bauch und ein wenig tiefer.
In den Abendstunden schien das Wasser besonders lau. Der Wind, der schon die beginnende Kühle der Nacht in sich trug, umfächelte ihre Schultern. Das Wasser spürten sie mild an ihren Körpern. Und wie einen schwachen elektrischen Strom spürten sie etwas über ihre Hände in die Körper fließen. Ohne dabei zu reden genossen beide still die Geborgenheit, die sie durch die Ruhe ringsherum zu umarmen schienen. Und niemals vorher empfand Marie die Sonne, die hinter dem Wäldchen hinter der Vogelinsel unterging, so tief, so rot, so leuchtend und so warm wie in jenen Tagen.
Erst als nur noch ein dunkelroter Schimmer in den Abendwolken zu erkennen war, die Dämmerung über den Tag zu gewinnen begann und die Kühle sich durch ein leichtes Zittern im Körper bemerkbar machte, gingen sie an das Ufer zurück, trockneten sich mit den weißen Frotteetüchern ab, die über der Bank lagen, und liefen Hand in Hand heimwärts.
Marie wunderte sich darüber, wie wenig sie eigentlich damals miteinander sprachen. Denn sie hatte immer das Gefühl gehabt, sie hätten viel miteinander geredet. Und sie wunderte sich darüber, wie selbstverständlich sie ihr Zusammensein empfunden hatte.
Es waren wunderschöne Abende gewesen. Doch schon bald hatte Marie den Wunsch, auf den See hinauszuschwimmen – hinein in die flachen Wellen, die den rötlichen Widerschein des Abends in sich trugen. Eines Tages – Hänschen war im Zeltlager – sprach sie mit ihrer Mutter darüber, und die zeigte ihr die ersten Trockenübungen; Onkel Karl ging an einem Samstagnachmittag mit ihr an den See, um sie bei den ersten Versuchen zu halten und zu leiten. Prima ging’s, und von Tag zu Tag wurden die Kreise, die sie schwimmen konnte, größer.
Den ersten gemeinsamen Abend nach Hänschens Zeltlager empfand sie als etwas ganz Besonderes, sie hatte sich sehr darauf gefreut und saß schon eine halbe Stunde auf der Bank, bis er endlich kam. Kein Kuss, nur dieser strahlende Blick, als er sich langsam bis auf die Badehose auszog. Innerlich lachte sie und wusste gar nicht so richtig, warum. Als Hänschen dann ihre Hand nahm, schmiegte sie sich eng an seine Arm. Gang langsam taten sie die erste Schritte, doch plötzlich liefen sie in den See hinein und blieben schweratmend dort stehen, wo sie gerade noch Grund hatten.
Und wieder empfand Marie alles so wunderschön, so warm und so leuchtend. Allein schon ihr eigenes Atmen und das Pochen ihres Herzens schienen die Stille zu stören. Ganz stark fühlte sie sich, und sie fühlte sich unheimlich stark, als sie seine Hand los ließ und die ersten Schwimmzüge machte. Es war einfach herrlich, durch das Wasser zu gleiten und der untergehenden Sonne ein Stück entgegen zu schwimmen. Marie genoß das alles, vergaß dabei Zeit und Raum und konzentrierte sich nur auf das Schwimmen und auf das, was um sie herum war. Sie war sehr stolz auf sich, als sie sich nach einiger Zeit das erstemal umblickte. Und da sah sie Hänschen, der gerade die letzten Schritte zum Ufer zurücklegte, sein Handtuch nahm und sich bereits anzog, während sie noch zurück schwamm.
Als sie sich abtrocknete, stand er wartend neben ihr. Und doch hatte sie den Eindruck, er wäre meilenweit von ihr entfernt. Kein Wort zwischen ihnen, kein Händchenhalten, kein Laufen und Lachen auf dem Nachhauseweg und nur ein ausweichender Blick beim Abschied.
Es war damit der letzte Blick, den Hänschen Marie schenkte.
Es war vorbei.
Marie hatte Schwimmen gelernt…

Ich hasse Oma

Nun hab‘ ich’s ja doch rausgefunden, wie man bloggt. 40 Euro gespart! Nu‘ mal gucken, wie sich meine erste Geschichte hier macht – selbst erlebt und erlitten am ZOB vor dem Sophienhof, und in Rammsee dann mit klammen Fingern zu Computer gebracht (das als ergänzende Erklärung zum Kiel-Bezug)…

Ich hasse Oma
Ich weiss nicht, wer Oma ist, doch ich hasse sie.
Oma steht am Beginn der Schlange, die auf den Bus wartet – nie im Sommer, wenn’s trocken und warm ist. Nein, nur im Winter steht sie da.
Wegen mir!
Ich steh‘ nämlich am Ende der Schlange. Etwas zusammengekauert und den Kragen hochgeschlagen, weil der Schneeregen und der eisige Wind mir die Ohren vom Kopf reißen wollen.
Die Schlange ist nicht lang – doch lang genug, dass ich als einziger draußen stehen muss, wenn Oma und die Passagiere vor mir in den Bus gestiegen sind. Irgendwie scheint der Wind noch viel heftiger am Bus vorbeizublasen, weil ich dort stehe…
Freundlich lächelnd begrüsst Oma den Fahrer und fragt sogleich, wie’s den Kindern geht. Ganz unbedarft tut sie das, während sich die ersten Eiszapfen an meinem Bärtchen bilden. Und „Huhu, Frau Lehmann“, winkt sie durch den Bus. Dabei fummelt sie mit ihren behandschuhten Händen am Reißverschluss einer großvolumigen Einkaufstasche herum, weil sie sich denkt, sie müsste wohl einen Fahrschein lösen. Ich denke, „Ob ich ihr das Fahrgeld gebe?“, denn ich weiss genau, was passiert.
Derweil ist Oma eisern und rüttelt mit dem Nippel ihres Reißverschlusszippels die Einkäufe durcheinander. Dann wird die Tasche abgestellt und Finger für Finger aus den Handschuhen gepellt – ganz behutsam, als könnten die noch mehr zerknittern.
Tja, wohin nun mit den Handschuhen? In die Manteltasche passen sie irgendwie nicht hinein, und die Einkaufstasche ist noch zu! „Können Sie mal halten?“ an den Hintermann, presst sie dann mit dem linken Unterarm die Tasche an die Brust und beginnt einen erneuten Versuch, den Reißverschluss zu einer Bewegung zu bewegen.
Ich merke, wie die Beine meiner Jeans hart werden. Die Beinhaare stellen sich auf und beginnen, sich pieksend bemerkbar zu machen, während Oma im eifrigen Bemühen, die Tasche zu öffnen, dem Busfahrer ihren erlebnisreichen Tag schildert und: „Ja, Frau Lehmann, ich komm‘ ja gleich!“
Während ich einem knatternden Geräusch lausche, das erstaunlicherweise vom Zusammenschlagen meiner Zähne herrührt, scheint sich der Reißverschluss endlich zu bewegen. Ich verzichte auf das Beifall klatschen, weil meine Hände wohl zerbrechen würden.
Ich könnte Oma ja sagen, dass ihre Gelbörse ganz unten in der Tasche liegt, aber sie würd’s mir wohl nicht glauben. Während sie meiner unausgesprochenen Vermutung folgt, zähle ich die Wassertropfen, die von der Dachreling in meinen Nacken töpfeln – 14 sind’s, als Oma mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck die Geldbörse hervorzieht. Nun müssen nur noch die Handschuhe in die Tasche („Danke, junger Mann“), an einen ganz bestimmten Platz. Reißverschluss wieder zu und die Henkel über den Arm gestülpt. „Was kostet das?“ – Als ob sich der Fahrpreis seit gestern erhöht hätte. „Mal gucken, ob ich’s klein hab…“
„Nein Oma,“ bin ich versucht zu sagen, „da fehlt ein Groschen!“ Aber ich hab‘ keine Kraft mehr, diesen Gedanken auszusprechen. Ob meine Füsse schon schwarz sind?
Hochkonzentriert zählt Oma Geldstück für Geldstück vor; ihr Bemühen, auch in den entlegendsten Falten noch etwas Bares zu finden, erinnert mich an das Auswringen eines trockenen Handtuches. Wieso kann ich eigentlich noch denken – können Gedanken nicht erfrieren?
Natürlich fehlt ’n Groschen! „Ich glaub‘, ich hab‘ noch einen im Mantel…“ Hm-hm, wie könnt’s auch anders sein.
Also Tasche abgestellt, und dann wird in den Manteltaschen gekramt. Erst müssen die 27 Taschentücher raus, dann die alten Fahrkarten. Oh Wunder, ein Fünfpfennigstück.
Und wo ist das zweite? Nicht da! Also Taschentücher wieder rein, die alten Fahrscheine auch und das Fünfpfennigstück (mit dem sie mich wohl morgen wieder fertigmachen wird), Geldbörse aufgeklappt, Kleingeld hinein (Silber links, das andere rechts), Geldbörse zugeklappt und das Geldscheinfach geöffnet – dort steckt er drin, der Unantastbare. Gehässig grinse ich in mich hinein, als sie ihren Zwanzigmarkschein hervorziehen muss.
Als der Fahrer das Wechselgeld vorzählt, überlege ich, ob ich nicht besser mit dem Taxi fahre, das würde mir das Überleben sichern. Doch wer könnte mich zum Taxistand führen?
Oma Klappt das Geldscheinfach zu (natürlich ohne den Zehner hineinzustecken, den sie gerade zurückbekommen hat), öffnet die Geldbörse (Silber links, das andere rechts), schließt die Geldbörse mit einem „Knips“, das wie ein Peitschenhieb meinen völlig unterkühlten Körper malträtiert, und öffnet wieder das Geldscheinfach, um den Zehner – nachdem sie ihn sorgfältig geglättet hat – irgendwie in das Gefache zu fummeln.
Und irgendwie kriegt sie’s hin. Auch das Verstauen der Börse in der Tasche klappt wider Erwarten gut.
Halt! Die Handschuhe! Ach ja: Tasche nochmal auf, die Handschuhe („Huch, ich hatte sie doch gerade noch…“) gesucht, Tasche wieder zu und Mund auf: „Ach Frau Lehmann…“, eine leiser werdende Stimme.
Gottseidank, die Schlange bewegt sich. Als ich dran bin, kriege ich die Monatskarte mit den steifgefrorenen Fingern kaum aus der Tasche gefummelt. „Geht’s nicht ein bisschen schneller?“ tönt eine Stimme hinter mir.
Ich hasse Oma wirklich.

* * *

Im Sommer macht das Busfahren richtig Spaß. Ich muss nur vorsichtig sein, wenn’s regnet. Und im Supermarkt stell‘ ich mich immer in die längste Schlange, wenn ich’s eilig hab‘. Denn in der kürzesten steht garantiert Oma.
Erwähnte ich schon, dass ich sie hasse?

Persönliches zum Gelben Sack

Persönliches soll hier nicht zu kurz kommen.
Auch Komisches hat in dieser Publikation seinen Platz.
Ja, gar Absurdes.
Soll alles sein.
Aber natürlich steht die seriöse Schreibe (sagt man so?) im Mittelpunkt.
In diesem Artikel aber nicht.
So sei denn gesagt, daß ich neulich in Holtenau mit dem Grünen Daumen in den Gelben Sack gehauen habe.
Jawohl.

Internet-Cafes und Spiele-Freaks

Ich neulich im Internet-Cafe.
(Diese Art der Einleitung verwende ich jetzt nicht zum erstenmal. Ich meine, das wirkt doch schön lebendig, und das ist es ja auch.)
Den Namen will ich in diesem Zusammenhang gar nicht mal nennen, denn was ich zu sagen habe, ist kritisch; die Kritk aber könnte ebenso auch jedes andere Internet-Cafe treffen.
Also, ich hatte zu arbeiten, und ich arbeitete hart.
Auf der anderen Seite des Ganges befanden sich Männer an den Spiele-PCs (Frauen sieht man dort selten).
Und während ich es so recht in die Tasten prasseln ließ, und mich dabei ja doch nicht unerheblich konzentrieren mußte, vernahm ich von drüben den laut und volltönend gesprochenen Satz: „Leck´mich am Arsch, Mann!“
Wer fühlt sich denn durch so was nicht gestört?
Ich soll das nicht so eng sehen?
Nun, was soll ich denn machen, wenn ich Besseres zu tun habe, als mir diesen einen Satz anzuhören, der in unregelmäßigen Abständen wenigstens fünfmal wiederholt wurde.
Die Wiederholung war offenbar nötig, weil niemand der Aufforderung des Sprechers nachkam.
Immerhin war auch anderes von dem Spieler zu vernehmen, etwa:
„Wieso erwisch´ ich Dich eigentlich nie, und Du knallst mich hier am laufenden Meter ab?“
Tja, vielleicht weil seine Leitung die Länge hat, die seine wortgleichen Wiederholungen vermuten lassen?
Schade jedenfalls, daß der am laufenden Meter Abgeknallte immer wieder auferstand.

Die Kieler und die Freundlichkeit

Unlängst besuchte ich eine Verwandte in einer holsteinischen Kleinstadt.
Als wir gemeinsam ein Geschäft aufsuchten, und sie nach einer Zeitschrift fragte, sagte der Verkäufer, daß er die nicht führe.
Als wir wieder draußen waren, machte sie ihrer Wut über den rüden Ton des Verkäufers Luft. Der war mir kaum aufgefallen, doch nun, da sie es sagte, mußte ich es auch feststellen.
Warum aber war mir das kaum aufgefallen?
Weil ein roher, schnippischer oder wie auch immer unfreundlicher Ton in der Großstadt die Regel ist, sofern nicht der Chef oder die Chefin selbst bedient, denn die haben ja ein besonderes Interesse daran, daß der Kunde wiederkommt.
Das sollten zwar auch die Angestellten haben, denn schließlich hängt vom Erfolg des Unternehmens ihr Arbeitsplatz ab, aber so weit denken sie nicht.
In einer Kleinstadt ist ein so abturnender Ton dagegen die Ausnahme, weil es immer gut möglich ist, daß man mit dem betreffenden Kunden auch in anderer Weise zu tun bekommt: Der Kunde könnte ein späterer Sportkamerad sein, oder der Klempner, der sich für die erlittene Unfreundlichkeit mit Pfusch rächen könnte – oder ein Lehrer, dem man dann beim Elternsprechtag begegnet.

Das alles ist in einer Großstadt wie Kiel so unwahrscheinlich, daß man auf Freundlichkeit als Vorsichtsmaßregel verzichten kann.
Und nur die, die von Natur aus herzlich sind – nebst denen, die klug genug sind, weit genug zu denken, um zu erkennen, daß Freundlichkeit ihren Arbeitsplatz retten kann – erwärmen den Kunden mit ihrer Art.
Es kommt natürlich auch auf die Erscheinung des Kunden an. Jedenfalls habe ich noch nie gehört, daß sich eine schöne Frau je über mangelnde Freundlichkeit eines männlichen Verkäufers beklagt hätte.
Nun bleibt allerdings noch die entscheidende Frage, die ich bis zum Ende des Artikels aufgeschoben habe:
Ist das Problem nicht nur, daß Kiel eine Großstadt ist, sondern ist das Problem, daß Kiel Kiel ist?
Mit anderen Worten: Ist der Kieler tatsächlich im Durchschnitt reservierte, ja patziger als der Durchschnitts-Mitteleuropäer?
Es geht ihm ja ein solcher Ruf voraus. Ich aber möchte die Frage lieber fürs erste offen lassen.

Erhellender Arztbesuch

Ich neulich bei einer HNO-Ärztin in Kiel.
Ich bekäme vielleicht Schwierigkeiten, wenn ich den Namen nennen würde, also lasse ich das und fahre in meiner spannenden, stupenden, erhellenden Erzählung fort:
Ich war angemeldet, mußte aber dennoch eine volle Stunde warten – ein Wort der Entschuldigung löste sich allerdings nicht aus dem Gehege der Zähne irgendeiner der dort Arbeitenden.
Scheint also selbstverständlich zu sein.
Und während ich da so saß und las und sann – bisweilen auch mich wunderte, daß drei Arzthelferinnen auf einmal im Dienst waren, obwohl das, was da zu tun war, locker von einer hätte gestemmt werden können – wurde ich Zeuge des folgenden Dialogs zwischen zwei der angestellten Damen:
„Wer is´ denn da jetzt drinne?“
Jawohl, „drinne“ sagte sie, auf das Behandlungszimmer deutend, die andere aber anwortete:
„Bitte nicht stören, Privatpatient!“

Es ist doch schön, wenn man das mal so deutlich präsentiert bekommt: Kassenpatienten sind Patienten zweiter Klasse, und da darf die Arzthelferin jederzeit ins Behandlungszimmer schneien – was sie bei Privatpatienten in jedem Fall unterlassen sollte, wenn ihr ihr Job lieb ist.
Wie schon angedeutet, ist die Praxis gut besucht, und das erlaubt es der Ärztin, wählerisch zu sein.
Also hofiert sie die einträglichen Privatpatienten und mobbt den Rest.
Ob das mit dem hippokratischen Eid vereinbar ist?
Na, jedenfalls fiel mir dabei das Spaß-Schildchen ein, das ich einmal in der Auslage eines Geschäfts gesehen hatte. Darauf stand nämlich:
„Bitte nicht wiederbeleben: Kassenpatient!“

Aber, wie gesagt, den Namen der betreffenden Ärztin will ich nicht nennen, um nicht in des Teufels Küche zu kommen, wo ich wenig Hoffnung hätte, wegen Zähigkeit verschont zu werden.
Nun werden vielleicht manche sagen: Der Fall ist ohnehin klar. So viele weibliche HNO-Spezialisten sind ja nicht in Kiel. Und die Beschreibung läßt im übrigen kaum Fragen offen.
Ist das so?
Soll mir recht sein.

Wunderbare Taxifahrt

Neulich fuhr ich nachts per Taxi vom Bahnhof nach Heikendorf: „alte Strecke“, wie ich in solchen Fällen sage, denn die neue ist zwar weit weniger serpentinenhaft, macht aber doch einen so großen Bogen, daß sie länger ist als die alte.
Oder ist das nur meine subjektive Einschätzung?
Mit andern Worten: Rede ich jetzt Blech?
(Ich rede gar nicht, sondern ich schreibe? Geschenkt!)
Hat das mal jemand gemessen? Also: Vergleich alte Strecke – neue Strecke vom Hauptbahnhof bis zum Rathaus in Heikendorf?
Das würde mich schon mächtig interessieren, aber ich schweife ab. Zurück zu erwähnter Taxifahrt, während deren der Fahrer, der aus dem arabischen Raum zu stammen schien, sich angeregt und freundlich mit mir unterhielt. Als das Ziel der Fahrt erreicht war, stand eine Summe von 14,50€ auf dem Taxameter (so nennt man diese gnadenlos tickenden Geldfresser wohl, oder). Ich wollte ihm 16 geben, er jedoch lehnte nett, aber bestimmt ab und war nicht einmal bereit, den vollen angezeigten Betrag anzunehmen. 14 nur duldete er und keinen Cent mehr.
Derlei war mir noch nicht vorgekommen.
Sehr sonderbare, angenehme Überraschung.