Berichte über uralte Menschen im Lokalteil sind oft irreführend

Neulich mal wieder in den Kieler Nachrichten:

„103 Jahre alt und sehr rüstig“

Typisch. Denen fällt wirklich manchmal gar nichts ein (und sie müßten sich ja auch nichts einfallen lassen, sondern einfach nur sagen, wie es ist – oder eben schweigen).
„Rüstig“ – das soll Lob oder Respekt ausdrücken, aber das Gegenteil ist der Fall. Schließlich empfände es ein Sechzigjähriger als Beleidigung, wenn man ihn als rüstig bezeichnen würde – vielleicht sogar ein Achtzigjähriger.
Man könnte natürlich auch mal auf die Idee kommen zuschreiben:

Angela Merkel ist zwar erst fünfzig oder knapp darüber, aber schon rüstig.

Die eigentliche Bedeutung des Wortes vergegenwärtigt man sich kaum.
Für das Leben gerüstet?
Wehrhaft (wie in einer Rüstung steckend)?
Gleichviel. Was ich aber sagen wollte:
Ich habe vor Jahren in einem Pflegeheim in Ellerbek Zivildienst gemacht, und da kam zu einem dreistelligen Geburtstag einer Bewohnerin auch so eine KN-Redakteurin.
Versuchte kurz mit ihr zu sprechen und verzog sich dann wieder.
Am nächsten Tag setzte es tatsächlich einen Artikel über die alte Dame.
Dabei war es der Journalistin noch nicht einmal gelungen, sich den Namen des Heims zu merken (sie schrieb „Pickert“ statt „Petrick“).
Die Überschrift aber lautete, wenn ich mich recht entsinne:

„So ´n Sherry hält mich in Schwung.“

Die annähernd taube, geistig stark verwirrte Dame hatte sich diesen lseserwirksamen Satz ganz gewiß nicht entlocken lassen.
Manchmal kommt es mir so vor, als sei die Presse allzu frei.

5 Gedanken zu „Berichte über uralte Menschen im Lokalteil sind oft irreführend

  1. C. Cychowsky

    … diesen lseserwirksamen Satz …
    Da stellt sich die Frage: Wer ist hier geistig stark verwirrt?

  2. Da Shan

    Medien beschönigen. Daran sollte kein Zweifel bestehen.
    Und dennoch denke ich, dass 103 Jahre schon ein Anlass sind um das mal zu erwähnen. Und selbst wenn man geistig verwirrt ist, sollte man froh sein um jeden Tag den man geniessen kann auf der Erde.

    Vielleicht hat die Dame ja doch diesen Satz gesagt. Ich lese nirgends heraus, dass du bei dem Interview dabei gewesen bist. Kann doch sein, dass dies eine der schönen Dinge ist, auf die sich die Frau freuen kann.

    In Frage stellen ist gut und wichtig, aber bitte nicht so.

  3. Stefan Morschheuser

    Danke für den Kommentar.
    Nein, sie kann diesen Satz nicht gesprochen haben. Daß Du das aber für möglich hältst, ist mein Fehler: Meine Beschreibung des Zustandes der Dame war wohl noch etwas beschönigend.

  4. Dashan

    Ich entnehme deiner Aussage, dass du also beim Interview dabei warst oder die alte Dame zumindest so gut kennst, dass du mehrfach mit ihr zu tun hast. Da du anscheinend kein Zivi bist ist das Aufopferung für Alte Leute.

    Schreib doch mal darüber, statt über pseudointeressante Aussagen.

  5. Stefan

    Der Artikel bezieht sich auf ein Vorkommnis während meines Zivildienstes. So steht es auch in eben diesem Artikel.

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