Neulich, eines schönen Werktags, stieg ich in den Bus nach Dietrichsdorf.
Genauer gesagt: Es war nachts um kurz nach eins, es war einer dieser winzigen Nachtbusse, und ich gehörte nicht zu den Nüchternsten.
Immerhin bin ich mit meinen Grenzen, was den Genuß von Alkohol betrifft, einigermaßen vertraut, im Unterschied zu einer männlichen, schwankenden Gestalt mit glasigen Augen, die sich mit einiger Mühe beim Busfahrer nach der nächsten Fahrt nach Laboe erkundigte.
Die Auskünfte des Fahrers waren klar und eindeutig: Es gab in der ganzen Nacht keine Verbindung mehr nach Laboe; und der ungefähr zwölfte Erklärungsversuch war dann auch erfolgreich.
Nun lallte der Typ irgendwas von Beschwerde und torkelte davon.
Dabei war sein Problem meinem nicht unähnlich: Ich mußte noch bis Heikendorf, der Bus aber fuhr nur bis Dietrichsdorf.
Also nimmt man doch, zumal ohne Handy unterwegs, einfach den überall in den Bussen angepriesenen Service der KVG in Anspruch.
“Können Sie mir ein Taxi zur Hermannstraße bestellen?” fragte ich also den Busfahrer.
Das war noch vor dem nervenden Dialog mit dem schottendichten Menschen.
Den hätte ich übrigens am liebsten davon zu überzeugen versucht, daß es auch für ihn das beste wäre, mit diesem Bus nach D-Dorf zu fahren und dann ein Taxi zu nehmen.
Dann hätten wir uns eins teilen können, und es wäre für ihn wie für mich billiger geworden.
Aber er war eben so breit, daß es aussichtlos war, ihm das zu erklären.
Nun hatte ich den deutlichen Eindruck, der Fahrer hätte meinen Taxiwunsch wegen des Ärgers mit dem Volltrunkenen vergessen.
So war es auch, wie sich auf meine Nachfrage zeigte, und nun unternahm der Fahrer zwischen Hbf und Gablenzbrücke ein paar Versuche, die Vineta zu kontaktieren – vergeblich.
Vor der Haltestelle Hummelwiese öffnete er die Tür und schrie seinem Kollegen zu, er möge das Taxi bestellen.
So schien denn alles in Ordnung.
Zumindest bis der Bus irgendeinen Schnörkel durch Wellingdorf machte, der offenbar für diese Linie gar nicht vorgesehen ist.
Zwei Gäste machten den den Fahrer darauf aufmerksam, und der machte sich auf den Rückweg, um auch die Haltestelle Strohredder zu bedienen.
So kamen wir mit fünf Minuten Verspätung an der Haltestelle Hermannstraße an.
Nicht zum erstenmal hatte ich im Nachtbus ein Taxi bestellt, und der Wagen hatte immer schon gewartet, wenn wir ankamen. Diemal keine Spur davon.
Ich fragte natürlich den Busfahrer, ob er sicher sei, daß sein Kollege einen Wagen bestellt hätte. Das bejahte er, fügte aber die sonderbaren Worte hinzu:
“Aber vielleicht kommt der nicht.”
Ich war sogar fast sicher, daß der nicht mehr kommen würde.
Dennoch wartete ich noch ein paar Minuten, und fluchte auf KVG und Vineta abwechselnd.
(Da sich aber Vineta im Unterschied zur KVG immer als verläßlich erwiesen hatte, bin ich ziemlich sicher, wer für die Sache verantwortlich ist.)
Nach diesem hoffnungslosen Warten machte ich mich auf den Weg.
Nachts.
Zu Fuß.
Von Dietrichsdorf nach Heikendorf.
Da gibt es zwar ein paar beleuchtete Inselchen, aber den größten Teil des Weges muß man halt auf künstliches Licht verzichten.
Da bleibt nur der Sternenhimmel.
Der war immerhin klar.Wie schon angedeutet, war ich nicht ganz nüchtern, und hinzu kam nun die euphorisierende Wirkung der schaurig-schönen Nacht.
Da war der Ärger über das ausbleibende Taxi schnell vergessen (fürs erste wenigstens), und ich lauschte fasziniert den Geräuschen der Natur.
Das ist jetz ein wenig undeutlich, nicht wahr?
Ja, ich wünschte, ich könnte all diese Tiere anhand ihrer Lautgebung identifizieren, aber ich bin halt in einer Großstadt aufgewachsen, und was weiß denn ich.
Gern würde ich mich da mal kundig machen.
Einmal bemerkte ich vor mir ein kleines bewegtes Doppelblinken.
Und erst als das erstaunte Tier – wer erwartet denn auch um die Zeit einen Menschen zu Fuß in der Gegend – die Flucht ergriff, erkannte ich, was für einem Wesen ich begegnet war:
Gebuckelt, aber elegant, langgezogen, flink trippelnd:
ein Steinmarder eben.
Na, wenigstens etwas erkannt, und so ein Raubtierchen ist ja in jedem Falle nett anzusehen.
So brachte ich zwei Drittel der Strecke recht angenehm herum. Dann kam der schwierige Teil. Leider nüchterte ich langsam aus, und mit sinkendem Alkoholspiegel wuchsen die Sorgen:
Was, wenn man – denn ich befand mich jetzt eingangs des berüchtigten Kitzeberg Forest – was also, wenn ich einem hungrigen Wolf begegnete?
Oder einem Mann, der nicht die besten Absichten hat?
Ich versuchte mich zu beruhigen:
Wölfe sind doch in unseren Breiten längst ausgerottet, und wenn sich auch in den letzten Jahren wieder ein paar über die Oder nach Westen getraut haben – es ist doch längst erwiesen, das sie Menschen nicht angreifen, zumindest nicht, wenn sie Fluchtmöglichkeiten haben, und an solchen ist ja in so offenem Gelände kein Mangel.
Und was die Sache mit dem Mann betrifft:
Nachts schlafen die Männer doch!
Zumindest werktags.
Hätte ich da natürlich auch schon gerne, aber ein geselliger Abend forderte seinen Wuchertribut, und so stapfte ich in den dusteren Kitzeberg Forest hinein, durch dessen Baumkronen kaum Mond- und Sternenlicht dringt.
Es war nunmehr unmöglich, auf dem Fuß- oder Radweg zu gehen, ohne Gefahr zu laufen, sich etwas zu verknacksen oder gar zu brechen.
Also wechselte ich auf die Straße, wo die Richtung wenigstens noch zu erahnen war. In dieser Stille höre ich Autos ja rechtzeitig, dachte ich mir.
Nur zweimal, wurde ich von PKW-Lärm gzwungen, mich seitlich ins Dickicht zu schlagen.
Da ich nun fast gar nichts mehr sah, sah ich fast überall Gefahren:
Ein Ungetüm so groß wie der Hund der Baskervilles, tollwütige Füchse und was man sich sonst noch so einbilden kann.
Am Ausgang des sagenumwobenen Kitzeberg Forest (zumindest hätte er verdient, mit Sagen umwoben zu werden, aber den Menschen fehlt ja heute die Fantasie) traf ich dann auf ein gar zu niedliches Kätzchen.
“Sieh doch zu, daß Du nach Hause kommst!
Was kümmert dich jetzt eine Hauskatze?!”
sagte eine Stimme in mir, auf die ich selten höre.
So auch hier nicht. Ich kann nun mal schwer an einer Katze vorbeigehen, ohne wenigstens den Versuch zu unternehmen, sie zu streicheln. Außerdem brauchte ich Trost.
Leider war diese Katze allzu vorsichtig und hielt, so sehr ich sie auch lockte, immer ein paar Meter Abstand zu mir.
Also setzte ich meinen Weg fort:
Teichtor hoch, durch die Dorfstraße, am Rathaus vorbei, und das war´s dann auch schon fast.
Unbeschadet an Leib und Seele überstanden.
Davon werde ich irgendwann mal abends meinen Großnichten erzählen, damit sie fantsiebildende Albträume bekommen.
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