Jeder Kieler kennt diesen Ruf, mit dem Obdachlose in der Innenstadt ihre Zeitschrift feilbieten.
In diesem Monat habe ich sie erstmals gekauft.
Oben rechts auf der Titelseite steht:
“1.60 Eur
Davon gehen
80 Cent
an die Verkäuferin
bzw. den Verkäufer.”
Natürlich gab ich ihr 2. Wie käme man sich denn auch vor, wenn man von einer Obdachlosen Rück-Kleinstgeld verlangte? Irgendwie schäbig.
So wird es wohl vielen gehen, und daher ist der Preis geschickt gewählt.
Das Heft hat 32 Seiten, von denen einige der Werbung vorbehalten sind.
Der Rest ist allerdings durchaus interessant:
Ein Obdachlosen-Porträt, ein Bericht über Verbraucherinsolvenz, einer über den arbeitsplatzverlustangstbedingten sehr niedrigen Krankenstand in Deutschland u.v.a.
Da das diesmonatige Heft eine Jubiläumsausgabe ist (Zehn Jahre Hempels), äußern sich hier Prominente und Semiprominente über ihre Erfahrungen mit der Armut anderer.
Daniel Karasek, Schauspielintendant des Theaters Kiel, schreibt über ein Erlebnis beim Spensensammeln für den kirchlichen “Mittagstisch”:
“Gelegentlich blieb eine ältere Dame vor mir stehen, holte ihr Portemonnaie heraus, um einge Münzen herauszufischen, die sie dann in den Schlitz meiner Sammeldose steckte.”
So macht man das also! Wer hätte das gedacht!
Der schlewig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen gibt Folgendes zum Besten:
“Als Schwiegersohn des damaligen Pfarrers in Kiel-Holtenau hatte ich Anfang der 70er Jahre viel Kontakt mit den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Dort traf ich im Pfarrhaus auf Seeleute, Obdach-und Heimatlose, Hilfsbedürftige und Leute, die ihre Zeit im Gefängnis abgesessen hatten.”
Was für eine Aufzählung!
Sind Obdachlose etwa nicht hilfebedürftig?
Logik, Peter Harry!
Carstensen weiter:
Ich habe schnell bemerkt, wie wichtig es ist, Gespräche zu führen, um die Hintergründe für das jeweilige Schicksal zu erfahren.”
Hat er schnell bemerkt. Nämlich:
Wieso, weshalb, warum?
Wer nicht fragt, bleibt dumm.
Carstensen hatte eben schon damals Sesamstraßen-Niveau, und dieses Niveau hat er bis heute gehalten.
Michael Brühn, Kapitän zur See (i.e. Oberst der Meere) und Kommandant des berühmten Segelschulschiffes Gorch Fock, schreibt über Armut in anderen Teilen der Erde:
“Meine bisherigen Verwendungen … haben mich nachAsien und Afrika, aber auch in Länder der ehemaligen Sowjetunion wie Georgien und Rumänien geführt.”
Brühn war schon ein ausgewachsenes Exemplar der Spezies Homo sapiens sapiens, als die gloriose Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken noch bestand. Da sollte er doch wohl wissen, daß Rumänien niemals Teil der Sowjetunion war.
Und “Verwendung”?
Spricht man so in Militärkreisen?
Wenn das nicht einiges über das Menschenbild der Bundeswehr sagt!
Wolfgang Pistol, Direktor der Landespolizei Schleswig-Holstein, ist zwar auch kein Mann des Wortes, aber es ist durchaus beeindruckend, wie sich bei ihm das Thema Menschenwürde als roter Faden durch den Text zieht.
In jeder Hinsicht souverän der Beitrag Björn Engholms.
Günter Grass schrieb zwar keinen Text aus Anlaß des Jubiläums, stellte aber etwas bereits in Buchform Erschienens zur Verfügung. Darin heißt es:
“Noch bis Ende der siebziger Jahre verstand sich die Bundesrepublik als Sozialstaaat. (Mag sein, daß die während Jahrzehnten andauernde Existenz zweier deutscher Staaten und dem damit verbundenen und ideologisch zugespitzten Wettbewerb zweier Systeme diesem Selbstverständniß auf die Sprünge geholfen hat.)”
(Es ist eine Selbstverständlichkeit, die Grass hier als eigene Erwägung präsentiert.)
“Während Jahrzehnten andauernd”?
Warum nicht “jahrzehntelang”, “Jahrzehnte während” oder “Jahrzehnte dauernd”?
Nur einer einer Reihe von Fehlern / Stilschwächen in zitiertem Klammersatz.
Aber wer sagt denn, daß ein Deutscher Literatur-Nobelpreisträger deutsch können muß?
Schön, daß Hempels das alles dokumentiert.
Schöner noch wäre es, wenn Hempels deshalb nicht existierte, weil es keine Obdachlosigkeit gäbe.
An sich eine zivilisatorische Selbstverständlichkeit, dieses Ziel, und ohne große Anstrengungen der Gesellschaft erreichbar.
Aber man geht offenbar davon aus, daß die arbeitende Bevölkerung abschreckende Beispiele braucht, um ihren “Arbeitgeber” genannten Arbeitsenergie- und Arbeitsresultatenehmern auch weiterhin die Stange zu halten.
Artikel kommentieren »